Nachdem ich ja eine Weile auf der Bewerber-Seite stand und in meinem aktuellen Job-Umfeld keine Neu-Einstellungen zu taetigen waren, bin ich fuer ein paar Wochen auf die Gegenseite gewechselt und filtere Lebenslaeufe. Nach der Lektuere von ca. 50 (gefuehlten 100) Lebenslaeufen gibts ein paar Erfahrungen.
Ein paar Dinge sind mir schon aufgefallen:
- Wie eine vollstaendige Bewerbung auszusehen hat, ist eigentlich kein wohl gehuetetes Geheimnis mehr, es gibt Webseiten darueber, die Bewerber-Portale grosser Konzerne lassen auch keine Unklarheiten (auch wenn ich zugeben muss, das Portal meines aktuellen Arbeitgebers nicht dahingehend angeschaut zu haben), trotzdem schaffen es Unmengen Bewerbungen mit fragwuerdiger Qualitaet bis zu "uns" als Fachabteilung
- Es ist selbst fuer Deutsch-Muttersprachler mit akademischen Abschluss offenbar nicht selbstverstaendlich, den Office-Spellchecker ueber den Lebenslauf und Anschreiben laufen zu lassen (oder ersatzweise mindestens einen Mitmenschen vor dem Abschicken Korrektur lesen zu lassen)
- Wenn man (zB insolvenzbedingt) in einer Transfer- oder Beschaeftigungs-Gesellschaft angestellt ist, bewirbt man sich offensichtlich ohne Ruecksicht auf Verluste bei jeder Stelle, ganz egal, ob das Profil IRGENDwie passen koennte
Auf letzteren Punkt lohnt es sich, etwas genauer einzugehen.
Ich kann jeden in dieser Lage verstehen. Aber dann kann es hilfreich sein, den Lebenslauf zu ueberarbeiten, dass eine gewisse Vielseitigkeit und schnelle Auffassungsgabe daraus hervorgeht. Lebenslaeufe, die keine Berufserfahrung in den direkt geforderten Bereichen aufweisen, klopfe ich darauf hin ab, und wenn ich das nicht herauslesen kann, setze ich im entsprechenden Recruitment-Portal auf "Absage". Ich meine damit
nicht die (fast ueberall auftauchenden) Schlagworte in den Soft-Skills, sondern eine gewisse Vielseitigkeit in den Aufgaben. So kann es sinnvoll sein, wenn ein Software-Entwickler auch Themen wie "Administration eines Linux-Servers" im Lebenslauf stehen hat. Auch dies sollte natuerlich in sich stimmig sein, also macht es keinen Sinn, bei der genannten Server-Administration, dann bei "Sonstigen Kenntnissen" nur Windows stehen zu haben.
Zur Vollstaendigkeit:
Oft kann ich in der Fachabteilung ersehen, wie oft die Personaler Ping-Pong spielen mussten, bis die Bewerbung "vollstaendig" war (was das fuer mich bedeutet, kommt gleich

). Wenn sich das ueber laengere Zeit hingezogen hat, gibt das auch Minus-Punkte.
Fuer mich bedeutet "vollstaendig", dass ich einen Lebenslauf finde, aus dem hervorgeht, wie lange der Bewerber wo war, und was er dort gemacht hat. Anschreiben finde ich zwar vor, lese ich aber im Normalfall nicht genauer (in vielen Faellen ist es eh eine nichtssagende Email).
Hat ein Lebenslauf mein Interesse gefunden (also bei ca. 10% der Bewerber) steht eine Google-Suche an, die in vielen Faellen auch Fundstellen in den gaengigen Social Networks zu Tage bringt. Interessiert bin ich aber eher an Publikationen oder Vortraegen des Bewerbers, oder an Usenet-Postings (insbesondere bei aelteren Bewerbern) oder Forums-Beitraegen (insbesondere bei juengeren Bewerbern). Allerdings sind hier eher fachlich relevante Artikel interessant. Ein Software-Entwickler, der aktiv in Eclipse-Mailinglisten oder Foren mitschreibt, ist spannend. Ich wuerde allerdings einen Bewerber dessen einziger Footprint im Netz eine grosse Urlaubs-Photo-Serie im Netz ist, nicht von vornherein aussortieren.
Ist ein Lebenslauf in irgendeiner Form "seltsam", also ist er
- Extrem gut, oder extrem schlecht
- Von einem Englisch-Muttersprachler oder Inder in Englischer Sprache
freut sich der geneigte Fachidiot ueber ein Arbeitszeugnis eines deutschen Arbeitgebers.
Hier lassen sich die Standard-Formulierungen entweder von einem Personaler oder von Herrn Google genauer unter die Lupe nehmen.
Es ist und bleibt aber so, das Haupt-Werkzeug ist und bleibt der Lebenslauf. Normalerweise entscheidet sich beim ersten Lesen, ob es eine Zu- oder Absage wird. Als Lebenslauf-Autor hat man also ein paar Minuten meiner Aufmerksamkeit. Spannenderweise sind mein Kollege, mit dem ich die Lebenslaeufe diskutiere meistens einig.
Ach ja:
Wenn schon kommentieren dann
hier und nicht auf Facebook!
Kommentare